Gangsta Rap unter der Lupe!?

Kurz und Knapp

Deutschsprachiger Gangstarap ist oft gewaltverherrlichend und voller unterschiedlicher Diskriminierungsformen, sei es Antisemitismus, Misogynie, Rassismus, Homophobie oder Ableismus. Was nicht bedeutet, dass ihr gewisse Songs oder Künstler*innen nicht mehr hören „dürft“, aber von nun an könnt ihr die unterschiedlichen Diskriminierungsformen leichter erkennen und demnach besser reflektieren und einordnen. Dabei ist zu betonen, dass Rap „nur“ ein Austragungsort von Diskriminierung ist, sozusagen eine überspitze Spiegelung  gesellschaftlicher Probleme. Gleichzeitig ist Sprache Macht, und diskriminierende Inhalte in Rapsongs reproduzieren diese Vorstellungen, heißt sie vervielfältigen und normalisieren Gewalt, Antisemitismus, Misogynie, Rassismus, Homophobie und/oder Ableismus.


Übersicht


Gewaltverherrlichung im Rap

„Draußen ist es kalt, Bruder. Alles, was ich brauch‘, nehm‘ ich mit Gewalt, Bruder. Fick die Strafanstalt, Bruder. Aufgewachsen auf Asphalt, Bruder, rrah!”

Samra und Capital Bra, „Kalt Bruder“

Im Rap wird Gewalt oft als etwas Cooles, Starkes oder Bewundernswertes dargestellt. Dadurch wird Gewalt, egal ob verbal oder physisch, zu einem legitimen Mittel verklärt. Dabei dient Gewalt zur Inszenierung und zur Festigung eines patriarchal geprägten Männlichkeitsbild.


Antisemitismus im Rap

“Und ticke Kokain an die Juden von der Börse”

Haftbefehl, „Psst“

Antisemitismus ist ein Welterklärungsmodell, der Hass auf Jüdinnen*Juden und auch alles, was mit Judentum in Verbindung steht oder in Verbindung gebracht wird, wie zum Beispiel der Staat Israel, ausdrückt. Antisemitismus ist engverwoben mit Verschwörungserzählungen, wie zum Beispiel, dass Jüdinnen*Juden die Welt kontrollieren. Im deutschsprachigen Rap taucht Antisemitismus vorwiegend als Israelbezogener Antisemitismus oder struktureller Antisemitismus auf. Dabei können antisemitische Codes verwendet werden, wie etwa Finanzelite, Freimaurer, Teufel oder Strippenzieher. So werden Vorurteile und Hass gegen Jüdinnen*Juden verstärkt und normalisiert. Er trägt zu einer gesellschaftlichen Verbreitung judenfeindlicher Stereotype bei, insbesondere bei jungen Hörern.


Rassismus im Rap

“Körper voller Edelmarken, überlegene DNA”

Kollegah,“Bossaura“

Rassismus ist die Einteilung von Menschen in angeblich höher- und minderwertige „Rassen“ aufgrund zugeschriebener biologischer oder kultureller Merkmale. Er führt zur Abwertung von Menschen wegen Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion und schafft so gesellschaftliche Hierarchien. Heute äußert sich Rassismus oft kulturell, etwa durch die Vorstellung, die eigene Kultur sei anderen überlegen. Im Rap wird Rassismus teils kritisch thematisiert, teils selbst reproduziert. Zudem nutzen rechtsextreme Gruppen wie die Identitäre Bewegung Rap gezielt zur Verbreitung ihrer Ideologie, offen oder durch versteckte Codes und Anspielungen, besonders über soziale Medien.


Misogynie im Rap

„Die Bitch muss bügeln, muss sein. Wenn nicht, gibt’s Prügel, muss sein.“ 
Kurdo & Majoe, „Charlie Sheen“

Misogynie meint die Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Frauen. Sie zeigt sich in der Reduzierung von Frauen auf ihr Aussehen, in der Darstellung als schwach oder minderwertig und in der geforderten Unterordnung. Diese frauenfeindlichen Vorstellungen existieren seit der Antike und sind auch heute in gesellschaftlichen Strukturen wie z. B. ungleicher Bezahlung, ungleicher Repräsentation in Wirtschaft und Politik oder ungleicher Verteilung von Care-Arbeit sichtbar. Im Gangsta-Rap sind solche misogynen Darstellungen allgegenwärtig. Frauen werden oft beleidigt, in untergeordnete Rollen gedrängt, objektiviert und sexualisiert . Dabei wird nicht nur provoziert, sondern auch die tief in der Gesellschaft verwurzelte sexistische und verachtende Vorstellungen von Frauen verstärkt. Eine gängiger Mechanismus ist die Einteilung von Frauen in zwei gegensätzliche Kategorien: die „gute Frau“ und die „schlechte Frau“. Diese Darstellungen sind stark vereinfacht, klischeehaft und spiegeln alte Rollenbilder wider, in denen Männer darüber bestimmen, was „richtig“ und „falsch“ für Frauen ist. „Gute Frauen“ sind demnach treu, unterwürfig und sittsam wohin gegen „schlechte Frauen“ untreu, hinterlistig, oberflächig und sexuell selbstbestimmt. Misogynie funktioniert nicht ohne „Männlichkeit“ – das Männerideal im Rap, hart, dominant und ohne Raum für Schwäche oder Gefühle, aber auch verurteilend und sexistisch gegenüber Frauen. Jedoch gibt es eine Veränderung im Rap. Immer mehr Rapperinnen und queere Künstler:innen brechen mit veralteten Rollenbildern und nutzen Rap, um für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Vielfalt zu sprechen.


Homophobie im Rap

„Deutscher Rap ist schwul“
Xatar feat. SSIO, „Pääh“

Homophobie bezeichnet eine feindselige Haltung gegenüber homosexuellen Menschen oder anderen sexuellen Orientierungen. Sie äußert sich in abwertenden Bemerkungen und dem Glauben, dass alle Menschen heterosexuell sein sollten. Der Begriff ist umstritten, da „Phobie“ eigentlich eine Angststörung beschreibt. Alternative Begriffe wie Homonegativität oder Queerfeindlichkeit werden ebenfalls verwendet. Obwohl Homosexualität in Deutschland seit 1969 schrittweise entkriminalisiert wurde und 2017 die Ehe für alle eingeführt wurde, erleben schwule, lesbische und bisexuelle Menschen weiterhin Diskriminierung und Hass. Im Deutschrap zeigt sich Homophobie besonders durch die Verwendung von Begriffen wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Beleidigung. Diese Wörter werden häufig genutzt, um Männlichkeit zu betonen, wobei Homosexualität oft mit „Schwäche“ assoziiert wird. In anderen Fällen wird „schwul“ oder „Schwuchtel“ einfach als Platzhalter für etwas Negatives verwendet, ohne direkt auf Homosexualität abzuzielen. Dies bleibt problematisch, da es Homosexualität weiterhin mit etwas Negativem verbindet und die Wahrnehmung von „schwul“ als „schlecht“ oder „schwach“ verstärkt. Rap war lange von männlicher, heterosexueller Perspektive geprägt, ohne Raum für Frauen oder queere Menschen. Heute mischen immer mehr queere Rapper*innen (weiblich, schwul, lesbisch, bisexuell, trans, non-binär) die Szene auf. Sie sprechen offen über ihre Identität und Diskriminierungserfahrungen, wodurch Rap vielfältiger und inklusiver wird.


Ableismus im Rap

„Jeden Frühling, Sommer, Herbst und jeden Winter. Leb‘ besinnungslos, weil nur so das Leben Sinn hat (Sinn hat). Fahre klatsche mit den Jungs und Mädels Ringbahn. Ich glaub‘, ich brauch‘ Krücken, Dicka, denn ich geh‘ behindert“

Ski Aggu,“Hubba Bubba“

Ableismus bezeichnet Behindertenfeindlichkeit, geht aber über direkte Diskriminierung hinaus. Es beschreibt ein gesellschaftliches System, das Menschen nach ihrer „Fähigkeit“ bewertet, wobei der nichtbehinderte, leistungsfähige Körper als Norm gilt und Behinderung als Mangel oder Abweichung angesehen wird. Ableismus, ähnlich wie Sexismus oder Rassismus, basiert auf Machtverhältnissen, die behinderte Menschen abwerten und als „anders“ stigmatisieren. Dieser Denkansatz beeinflusst, wie wir über Normalität, Leistung und Wert urteilen. In Deutschland sind zwar wenige Menschen offen behindertenfeindlich, doch viele teilen indirekt ableistische Vorstellungen. Im Rap zeigt sich Ableismus durch die Verwendung von diskriminierenden Begriffen wie „behindert“, „Spast“ oder „Krüppel“, um Gegner abzuwerten. Diese Beleidigungen zielen darauf ab, anderen Anerkennung zu verweigern und oftmals die eigene Männlichkeit zu stärken, ähnlich wie bei sexistischen oder homophoben Äußerungen. Jedoch gibt es im neueren „Atzenrap“ eine vermeintlich „positive“ Verwendung von behindert. Hier wird behindert als Synonym für ultra oder mega verwendet oder aus „ich geh steil“ wird „ich geh behindert“. Auch dies ist ableistisch, da „behindert“ benutzt wird um etwas außerhalb der Norm zu beschreiben.